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Neue internationale Schizophrenie-Leitlinien veröffentlicht
In diesem heutigen Quick Take möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass eine neue Schizophrenie-Leitlinie erschienen ist. Sie wurde im März 2025 in Lancet Psychiatry publiziert.
Der Titel der Publikation lautet: „INTEGRATE: international guidelines for the algorithmic treatment of schizophrenia”. Diese Leitlinien wurden von einer großen Gruppe von Psychiaterinnen und Psychiatern aus 30 Ländern entwickelt und decken alle UN-Regionen ab – es handelt sich somit um ein wirklich internationales Gemeinschaftswerk.
An dieser Stelle möchte ich einen Interessenkonflikt offenlegen: Ich war Mitglied der INTEGRATE Advisory Group und am Leitlinienprozess beteiligt. Dies umfasste unter anderem ein Umbrella-Review zur Entwicklung einer Umfrage, die anschließend zur Konsensfindung unter eingeladenen Expertinnen und Experten weltweit genutzt wurde – mit Rückmeldungen aus Fokusgruppen, einschließlich Personen mit gelebter Erfahrung.
Warum neue Schizophrenie-Leitlinien erforderlich waren
Man könnte fragen: Brauchten wir wirklich eine neue Schizophrenie-Leitlinie? Ich denke ja. Viele bestehende Leitlinien sind entweder veraltet oder in ihrer Anwendung unübersichtlich.
Die INTEGRATE-Leitlinien bieten demgegenüber eine gelungene Zusammenfassung dessen, was wir heute als qualitativ hochwertige Schizophrenieversorgung betrachten. Sie sind länderunabhängig anwendbar und in einem Algorithmus dargestellt, dem jede Klinikerin und jeder Kliniker leicht folgen kann. Autoritative internationale Konsensleitlinien stellen einen wichtigen Schritt zur Reduktion von Versorgungsvariabilität bei Schizophrenie dar.
Variabilität – was ist daran problematisch? Variabilität in der Medizin kann ein Hinweis auf eine nicht optimale Versorgung sein. Zur Veranschaulichung:
- So gibt es keinen sachlichen Grund, warum der Einsatz von Clozapin bei therapieresistenter Schizophrenie zwischen Deutschland, den USA, Südkorea oder Nigeria – oder innerhalb von Regionen eines Landes – so unterschiedlich ist.
- Es handelt sich schlicht um ein Problem des nicht sachgerechten Einsatzes von Clozapin, obwohl Clozapin das Mittel der Wahl für alle Patientinnen und Patienten mit therapieresistenter Schizophrenie ist – unabhängig vom Aufenthaltsort.
- Eine universell gültige Leitlinie könnte zumindest ein erster Schritt in Richtung einer optimalen Schizophrenieversorgung für alle sein.
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Stärken und Grundannahmen des INTEGRATE-Algorithmus
Die Stärke dieser Leitlinien liegt meines Erachtens darin, dass sie dynamisch und flexibel genug sind, um eine patientenzentrierte Versorgung zu ermöglichen, ohne dabei zu komplex zu werden. Sie bieten Klinikern einen Algorithmus, dem sie in der Praxis tatsächlich folgen können.
Würde jede Klinikerin und jeder Kliniker dem vorgeschlagenen Algorithmus folgen, würde die Versorgungsqualität für alle Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie erheblich verbessert.
Die Leitlinien selbst basieren auf mehreren grundlegenden Annahmen:
- Partizipative Entscheidungsfindung ist zentral
- Frühzeitiges Handeln, wenn eine Patientin oder ein Patient nicht auf die Behandlung anspricht
- Berücksichtigung von Medikamentennebenwirkungen als integraler Bestandteil therapeutischer Entscheidungen
Empfehlungen bei Erstpsychose
Nachfolgend erläutere ich den Algorithmus für Patientinnen und Patienten mit einer Erstpsychose:
- Beginn mit Aripiprazol (sofern keine Präferenz vorliegt)
- Frühzeitiger Einsatz von Depot-Antipsychotika (langwirksame Injektionsformen)
- Erwägung einer Behandlungsunterbrechung in ausgewählten Fällen
- Zeitnahe Einleitung von Clozapin bei entsprechender Indikation
Eine algorithmische Zusammenfassung der Behandlungsleitlinien. Rechtsklick zum Speichern des Bildes.
Empfehlungen zum medizinischen Management
Die Leitlinien umfassen auch Empfehlungen zum somatischen Management, beispielsweise die routinemäßige Gabe von Metformin bei Verordnung eines metabolisch hoch-riskanten Antipsychotikums. Durch Umsetzung dieser Empfehlungen bieten Sie Ihren ersterkrankten Patientinnen und Patienten eine exzellente Versorgung.
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Limitationen der Leitlinien
Folgende Einschränkungen sind zu beachten:
- Die Leitlinien beschränken sich auf die Psychopharmakologie, die zwar eine wichtige Säule der Schizophreniebehandlung darstellt, ohne psychosoziale Unterstützung und Rehabilitation jedoch allein nicht ausreicht.
- Der Stellenwert des neuen nicht-dopaminergen Antipsychotikums Xanomelin plus Trospium, das kürzlich in den USA zugelassen wurde, konnte in den Leitlinien nicht berücksichtigt werden.
- Ebenso wird die Rolle von GLP-Agonisten im Gewichtsmanagement nicht adressiert.
Fazit: Einheitliche und praxisorientierte Leitlinien
Dies ist mein abschließendes Fazit: Das Fachgebiet verfügt nun über einheitliche, nicht länderspezifische, universell gültige und praxisnahe Leitlinien für die pharmakologische Behandlung der Schizophrenie. Sie werden für mindestens einige Jahre Bestand haben, mit dem Plan einer regelmäßigen Aktualisierung.
Ich halte diese Leitlinien für einen wichtigen Schritt. Sie helfen dabei, einen Standard für eine gute pharmakologische Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie zu definieren.
Ich empfehle Ihnen, die Publikation aufzurufen und den Algorithmus, der die Leitlinien zusammenfasst, eingehend zu studieren. Wenden Sie ihn in Ihrer eigenen Praxis an. Und bitte hängen Sie diesen Algorithmus auch in Ihrer Klinik aus – er ist ein hervorragendes Lehrmittel zur Patientenaufklärung. Wenn Sie mit Auszubildenden, Pflegefachpersonen mit erweiterter Praxiskompetenz oder Assistenzärztinnen und -ärzten zusammenarbeiten, eignet er sich zudem ideal, um optimale Versorgungsstandards für diese Patientengruppe zu vermitteln.
