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02. Lichttherapie bei bipolarer Depression: Klinische Empfehlungen der ISBD

Published on October 29, 2025 Certification expiration date: October 29, 2028

Kristin Raj, M.D.

Director of Education for Interventional Psychiatry - Stanford School of Medicine

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Lichttherapie bei bipolarer Depression

Die bipolaren Störungen stellen eine therapeutische Herausforderung dar, die allgemein bekannt ist. Betroffene verbringen dabei weitaus mehr Zeit in depressiven als in manischen Phasen. Die bipolare Depression beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich, führt zu funktionellen und kognitiven Einschränkungen und erhöht das Suizidrisiko. Unsere Erstlinientherapien weisen häufig eine begrenzte Wirksamkeit auf oder sind mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden.

Daher ist es besonders erfreulich, auf eine wachsende Evidenzbasis für eine Intervention hinzuweisen, die häufig zu wenig eingesetzt und mitunter missverstanden wird: die Lichttherapie (Bright Light Therapy, BLT). Im Folgenden werden die kürzlich veröffentlichte umfassende Übersichtsarbeit und die klinischen Empfehlungen der Chronobiologie- und Chronotherapie-Task-Force der International Society for Bipolar Disorders (ISBD) vorgestellt. Diese Publikation stellt einen bedeutsamen Beitrag zur Überbrückung der Lücke zwischen Forschung und klinischer Praxis dar – und ist nach meiner Überzeugung für alle Kliniker unverzichtbar, die psychiatrische Patienten behandeln, nicht nur für Bipolar-Spezialisten.

BLT: Wirkmechanismus

Der Zusammenhang zwischen Licht und Stimmung ist historisch betrachtet alt: Bereits Hippokrates propagierte 400 v. Chr. die Heliotherapie als therapeutische Maßnahme. Die moderne BLT hingegen basiert auf neurowissenschaftlichen Erkenntnissen, die in den 1980er-Jahren gewonnen wurden.

Unser Organismus verfügt über eine übergeordnete zentrale Schrittmacherstruktur, den Nucleus suprachiasmaticus (SCN) im Hypothalamus. Der SCN koordiniert nahezu alle zirkadianen physiologischen Rhythmen. Licht wird primär von spezialisierten Zellen der Retina detektiert, die Signale direkt an den SCN weiterleiten und so die innere Uhr mit dem äußeren Hell-Dunkel-Zyklus synchronisieren. Werden diese Lichtsignale unregelmäßig, kann der zirkadiane Rhythmus dysreguliert werden – mit Auswirkungen auf Schlaf-Wach-Zyklen ebenso wie auf die Stimmung. Doch der Wirkmechanismus beschränkt sich nicht allein auf den SCN.

Aufkommende Evidenz legt nahe, dass die antidepressiven Effekte des Lichts auch über andere Hirnzentren vermittelt werden – entweder parallel zum SCN oder sogar unter Umgehung desselben. Untersuchungen, auch an Nicht-Humanmodellen (wobei mehr humanbasierte Daten dringend benötigt werden), zeigen, dass Lichtsignale direkt auf stimmungsrelevante Regionen wie den präfrontalen Kortex und Hirnstammkerne wirken, die reich an serotonergen und noradrenergen Projektionen sind.

Dies verdeutlicht: Licht wirkt nicht nur auf den Schlaf, sondern beeinflusst direkt jene Stimmungsschaltkreise, auf die wir auch mit Pharmakotherapie abzielen.

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Wirksamkeit der BLT bei bipolarer Depression

Die ISBD-Task-Force kommt zu dem Schluss, dass adjunktive BLT auf der Grundlage hochwertiger Evidenz als wahrscheinlich wirksame Akutbehandlung der bipolaren Depression einzustufen ist. Die Ergänzung bestehender Stimmungsstabilisatoren durch BLT kann:

  • depressive Symptome signifikant reduzieren
  • das globale Funktionsniveau verbessern
  • Schlafqualität, kognitive Leistungsfähigkeit und Angst günstig beeinflussen

BLT auch bei nicht-saisonaler Depression wirksam

Obwohl die Lichttherapie primär als Behandlung der saisonalen Depression etabliert ist, belegen aktuelle Metaanalysen ihre Wirksamkeit sowohl bei saisonalen als auch bei nicht-saisonalen bipolaren Depressionen. Darüber hinaus zeigen die Daten ein günstiges Sicherheitsprofil mit niedrigeren manischen Switch-Raten im Vergleich zu pharmakologischen Antidepressiva.

Implementierung der BLT in der klinischen Praxis

Vor Beginn der BLT ist eine sorgfältige diagnostische Evaluation erforderlich:

  • Erfassung der Lichtexposition über 24 Stunden
  • Erhebung der habituellen Schlaf-Wach-Zeiten
  • Berücksichtigung allgemeiner Lebensgewohnheiten und zeitlicher Einschränkungen

Bei Patienten mit Bipolar-I-Störung muss eine antimanische Medikation 2–4 Wochen vor Beginn der BLT stabil sein. Bei Bipolar-II-Patienten obliegt die Entscheidung über eine Stimmungsstabilisator-Abdeckung der klinischen Beurteilung.

Kontraindikationen umfassen:

  • Akute oder kürzlich aufgetretene manische Episoden
  • Rezente hypomane Episoden
  • Gemischte Symptomatik
  • Rapid Cycling

Patienten mit Netzhauterkrankungen oder unter Einnahme bestimmter photosensibilisierender Medikamente (z. B. Sulfonamide oder Johanniskraut) bedürfen vorab einer ophthalmologischen Untersuchung.

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Gerätespezifikationen für die BLT

Empfohlen wird ein helles weißes, UV-gefiltertes Lichttherapiegerät. UV-Strahlung ist therapeutisch nicht erforderlich und kann schädlich sein. Wesentliche Gerätespezifikationen:

  • Intensität: 5.000–10.000 Lux
  • Abstand: ca. 30–33 cm zu den Augen
  • Größe: mindestens 30 × 35 cm
  • Position: leicht oberhalb der Augenhöhe, nach unten geneigt
  • Licht: diffus, blendfrei

Patienten sollten darauf hingewiesen werden, nicht direkt in die Lichtquelle zu schauen.

Zeitpunkt und Dauer der BLT

Optimaler Anwendungszeitpunkt: Morgens (7–9 Uhr) oder mittags (12–14:30 Uhr)

Einschleichendes Vorgehen:

  • Beginn mit 15 Minuten täglich
  • Wöchentliche Steigerung um 15 Minuten
  • Zieldosis von 45–60 Minuten täglich ab Woche 4

Bei einer Intensität von 5.000 Lux wird eine Anwendungsdauer von einer Stunde angestrebt, bei 10.000 Lux etwa 30 Minuten.

Eine klinische Besserung ist typischerweise innerhalb von 1–2 Wochen zu erwarten, eine Remission in der Regel nach 4–6 Wochen. Dies ist häufig schneller als unter pharmakologischen Antidepressiva. Nach Erreichen der Remission kann die BLT mindestens ein Jahr lang zur Konsolidierung des Therapieerfolgs und zur Rezidivprophylaxe fortgeführt werden. Für die Erhaltungstherapie ist häufig eine Reduktion von Intensität oder Dauer möglich.

Monitoring-Empfehlungen

Ein regelmäßiges Monitoring ist unerlässlich. Patientenzentrierte Ergebnismaße wie der PHQ-9 für die Depressivität, der GAD-7 für Angstsymptome und die Young Mania Rating Scale für manische Symptome ermöglichen eine systematische Verlaufsbeurteilung und die frühzeitige Erkennung von Warnsignalen einer Stimmungsverschlechterung oder eines affektiven Wechsels.

Bei Auftreten einer Verschlechterung der Depression, zunehmender Suizidalität oder einer affektiven Destabilisierung sollten Patienten angewiesen werden, die Lichttherapie sofort zu reduzieren oder zu unterbrechen und umgehend ärztlichen Kontakt aufzunehmen.

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Limitationen und Herausforderungen

Obwohl die Akutevidenz überzeugend ist, sind die Daten zur Langzeiterhaltungstherapie begrenzt. Viele mechanistische Studien basieren auf Nicht-Humanmodellen. Klinische Studien unterscheiden sich hinsichtlich Stichprobengröße, Behandlungsparametern und Studiendauer, was die Generalisierbarkeit der Ergebnisse einschränkt.

Darüber hinaus bestehen praktische Implementierungshürden: Die Kosten für Lichttherapiegeräte (ca. 90 bis 270 Euro), das Fehlen einer Erstattungsfähigkeit in vielen Gesundheitssystemen sowie die Therapieadhärenz der Patienten können insbesondere im ambulanten Bereich erhebliche Barrieren darstellen. Hinzu kommen fehlende Gerätestandards mit Variabilität hinsichtlich Lux-Ausgabe, UV-Filterung und Diffusionsqualität. Diese Problematik ist in einkommensschwächeren Ländern noch stärker ausgeprägt.

Integration der BLT in den Alltag der Patienten

Die BLT ist keine Therapie, die man einmal einleitet und dann sich selbst überlässt. Sie erfordert aktives Engagement und sorgfältiges Monitoring seitens Kliniker und Patient gleichermaßen. Es gilt, praktikable Wege zu finden, die Therapie in den Tagesablauf der Patienten zu integrieren. Es hat sich bewährt, gemeinsam mit dem Patienten zu besprechen, zu welcher Tageszeit die Anwendung vorgesehen ist und welche Alltagsaktivitäten dabei parallel ausgeführt werden könnten – etwa Lesen, E-Mails beantworten, das morgendliche Schminken oder Musik hören.

Darüber hinaus können gesundheitsfördernde Lebensgewohnheiten wie ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, körperliche Aktivität, die Reduktion heller Lichtexposition am Abend sowie Aufenthalte im Freien die Lichttherapie wesentlich ergänzen und langfristige Behandlungsergebnisse verbessern.

Fazit: Potenzial der BLT bei bipolarer Depression

Die Lichttherapie stellt eine wertvolle, wirksame und im Allgemeinen gut verträgliche adjunktive Behandlungsoption bei bipolarer Depression dar. Sie kann eine schnellere Remission als eine alleinige Pharmakotherapie ermöglichen und Patienten stärken, indem sie ihnen eine aktive Rolle in ihrer Genesung gibt.

Obwohl weiterer Forschungsbedarf besteht – insbesondere hinsichtlich der Langzeiterhaltungstherapie und der Überwindung von Implementierungsbarrieren –, ist die aktuelle Evidenz für die BLT überzeugend. Ziel dieser Ausführungen ist es, Kliniker dazu zu ermutigen, die BLT in ihrer täglichen Praxis stärker in Betracht zu ziehen. Gemeinsam sollten wir daran arbeiten, die Lücke zwischen Forschung und klinischer Anwendung zu schließen und unseren Patienten alle verfügbaren Instrumente an die Hand zu geben, um die Komplexität der bipolaren Störung zu bewältigen und eine nachhaltige Stabilisierung zu erreichen.

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