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Alkoholkonsumstörung: Ungedeckter Behandlungsbedarf
Die Alkoholkonsumstörung (AUD) zählt zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen. Schätzungen zufolge waren im Jahr 2023 rund 29 Millionen Menschen in den USA von einer AUD betroffen. Von diesen erhielten lediglich etwa 2 % eine pharmakologische Behandlung.
Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat drei Medikamente zur Behandlung der AUD zugelassen:
- Disulfiram
- Acamprosat
- Naltrexon
Keines dieser zugelassenen Medikamente ist jedoch breit wirksam oder wird in der Praxis häufig verschrieben. Der Bedarf an neuen pharmakologischen Behandlungsoptionen für die AUD ist daher evident.
GLP-1-Agonisten: Ein vielversprechender Ansatz
Ein besonders vielversprechender Kandidat sind Glucagon-ähnliches Peptid-1-(GLP-1-)Rezeptoragonisten. Diese Medikamente wirken durch:
- Aktivierung von GLP-1-Rezeptoren in Pankreas und Gastrointestinaltrakt
- Steigerung der glukoseabhängigen Insulinsekretion
- Hemmung der Glukagonsekretion
GLP-1-Rezeptoragonisten sind von der FDA zur Behandlung von Diabetes mellitus und Adipositas zugelassen. Interessanterweise deuten anekdotische Berichte darauf hin, dass Patienten, die diese Substanzen zur Therapie von Diabetes oder Adipositas erhalten, ihren Alkoholkonsum möglicherweise reduzieren.
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Studiendesign und Endpunkte der Semaglutid-Studie
Die Studie von Dr. Hendershot und Kollegen liefert überzeugendere Belege für die Wirksamkeit und Sicherheit von GLP-1-Rezeptoragonisten bei der AUD. Es wurde eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte klinische Studie (RCT) mit Semaglutid (einem langwirksamen GLP-1-Rezeptoragonisten) unter Verwendung der FDA-zugelassenen Dosierungen von 0,25 und 0,5 mg durchgeführt.
Die Studie zeichnete sich durch den innovativen Einsatz zweier Arten von Endpunkten aus:
- Standardisierte wöchentliche Daten zur Alkoholaufnahme über einen ambulanten 9-wöchigen Behandlungszeitraum
- Beobachteter freiwilliger Alkoholkonsum während einer 2-stündigen Laborsitzung unter kontrollierten Bedingungen, in der die Teilnehmer freien Zugang zu ihrem bevorzugten alkoholischen Getränk hatten
Ergebnisse: Reduktion von Tagen mit starkem Alkoholkonsum
Die Studienergebnisse zeigten einen ausgeprägten Nutzen von Semaglutid. Dies ist insbesondere deshalb bemerkenswert, da die Teilnehmer keine Behandlung ihrer AUD angestrebt hatten und keine psychosoziale Begleittherapie erhielten.
Semaglutid reduzierte signifikant:
- Die Anzahl der Drinks pro Trinktag
- Die Anzahl der Tage mit starkem Alkoholkonsum (definiert als ≥ 4 Drinks für Frauen, ≥ 5 für Männer)
- Das selbstberichtete Verlangen nach Alkohol (Craving)
Hinsichtlich der Gesamtzahl der Trinktage zeigte sich kein signifikanter Effekt, was darauf hindeutet, dass Semaglutid möglicherweise keine vollständige Abstinenz bewirkt.
In der Laborsitzung bewirkte Semaglutid:
- Eine Reduktion der Alkoholaufnahme um etwa 2 Standarddrinks (26 g Alkohol)
- Eine 57-prozentige Reduktion der mittleren Atemalkoholkonzentration
Unerwünschte Ereignisse entsprechen dem GLP-1-Profil
Semaglutid wurde gut vertragen. Die unerwünschten Ereignisse entsprachen weitgehend dem für GLP-1-Rezeptoragonisten erwarteten Profil:
- Verminderter Appetit
- Gastrointestinale Symptome
- Kopfschmerzen
Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten nicht auf. Kein Teilnehmer brach die Studie aufgrund eines unerwünschten Ereignisses ab, und es wurden keine Wechselwirkungen des Medikaments mit Alkohol beobachtet. Erwartungsgemäß verloren die mit Semaglutid behandelten Teilnehmer etwa 5 % ihres Körpergewichts.
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Studienlimitationen schränken die Generalisierbarkeit ein
Diese Befunde sind vielversprechend, lassen sich jedoch möglicherweise nicht auf alle Patientengruppen übertragen. Ausgeschlossen waren Teilnehmer mit:
- Schwerwiegenden somatischen oder psychiatrischen Komorbiditäten
- Anderen substanzbezogenen Störungen (mit Ausnahme von Tabak- und Cannabiskonsum)
In der klinischen Praxis weisen jedoch viele Patienten mit problematischem Alkoholkonsum Komorbiditäten wie Lebererkrankungen oder Depressionen auf. Semaglutid könnte daher initial vor allem für Patienten mit leichter AUD geeignet sein. Darüber hinaus könnten wöchentliche subkutane Injektionen für einige Patienten ein Hindernis darstellen.
Klinische Empfehlungen zum Einsatz von Semaglutid
Semaglutid stellt eine vielversprechende neue Behandlungsoption für die AUD dar. In Phase-1- und Phase-2-RCTs konnte sowohl die Wirksamkeit als auch die Verträglichkeit nachgewiesen werden.
Der Einsatz von Semaglutid ist bei Patienten mit AUD zu erwägen, die auf adäquate Therapieversuche mit den derzeit zugelassenen Medikamenten nicht ausreichend angesprochen haben – nach sorgfältigem Screening auf klinisch relevante Komorbiditäten.
